Einzeltitel

 

Weiß, Mensch

Ernst Weiß
Mensch gegen Mensch

180 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Mit 1 Abbildung
Format: 13,5 × 20,5 cm
Euro 32,00 [D]
ISBN 978-3-96662-385-8

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»Er ging als Arzt zwischen den Menschen umher, über die Menschen dahin, als kalter, ganz zusammengekrampfter Mensch.«

 


Zum Text

Das individuelle Unglück endet im gesellschaftlichen Desaster des Krieges. »Jetzt war sie ihm für immer fort und entglitten, jetzt höhnte sie ihn durch ihr Fernsein, jetzt haßte er sie. Und doch liebte er sie. Wie ferne Musik lockte edler Schwung der Hüften, zarte Brüste, schweres, dunkel goldenes Haar, das sich um ihre weiße Mädchenstirne ganz sanft faltete. Das alles konnte er vergessen, er wollte achtlos an ihr vorübergehen, während sie nach ihm suchte, aber ihr Mund, der blieb unvergeßlich; er konnte nicht sagen, warum er ihn liebte, er fand alles an ihr unsagbar schön, bis auf ihre Hände, die nicht die Hände eines kleinen Putzmachermädchens waren, sondern die beseelten nackten Hände einer nackten beseelten Statue. Grauenhaft quälte ihn dieser Mensch, der verloren war, wie ein Stein auf einem Schotterhaufen, zerstückt, zerstäubt unter tausend anderen, wie quälte ihn diese vergeudete Liebe in sein ganzes zukünftiges Dasein hinaus. Noch wartete er. Aber schon war es ein anderer, niederer Mensch, ein tief gedemütigter, der angetan mit dem kalten Schweiß seines Neides, sinnlos wartend saß in der hilflosen Schwäche des Alleinseins. Ein stolzerer, reicherer Mensch war es, der erwartet wurde, der aber alle Plätze der Stadt leer ließ und sich fern von ihm, in seiner verstockten Zufriedenheit sonnte.« [Textauszug]

Der Text des Neusatzes folgt der Ausgabe 1913, erschienen im S. Fischer Verlag Berlin. Die originale alte deutsche Rechtschreibung wurde beibehalten.

Zum Autor

Weiß

Ernst Weiß (1882-1940), österreichischer Arzt und Schriftsteller, stammte aus einer jüdischen Familie. Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel bestand Weiß 1902 erfolgreich die Matura (Abitur). Anschließend begann er in Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern. 1911 kehrte Weiß nach Wien zurück und fand eine Anstellung im Wiedner Spital. Im Juni 1913 machte Weiß die Bekanntschaft von Franz Kafka. Dieser bestätigte ihn in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und Weiß debütierte noch im selben Jahr mit seinem Roman »Die Galeere«. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus. Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller. 1928 wurde Weiß vom Land Oberösterreich mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriftenzu schreiben. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig. Ernst Weiß letzter Roman »Der Augenzeuge« wurde 1939 geschrieben. Als Weiß im Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris miterleben mußte, beging er Selbstmord.

 

 


 

 

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